Warum menstruieren wir? | Die evolutionären Gründe

Warum menstruieren wir? | Die evolutionären Gründe

Um das soziale Konstrukt Menstruation und seine Implikationen zu verstehen, lohnt es sich, einen Blick auf Naturwissenschaften zu werfen. Und die Frage nach der Entwicklung der Menstruation. Wie und warum haben Säugetiere überhaupt Menstruation ausgebildet? Rein biologisch gesehen handelt es sich um ein vergleichsweise seltenes Phänomen: Auch wenn die meisten weiblichen Säugetiere über einen Östrogenzyklus verfügen, gibt es nur zehn Primatenarten, vier Fledermausarten, afrikanische Rüsselspringer und Stachelmäuse, die einen Menstruationszyklus aufweisen.  Schon diese recht willkürlich wirkende Verteilung deutet darauf hin, dass sich Menstruation damit unabhängig bei verschiedenen Arten entwickelt hat[1]. Zwar weisen auch andere Arten periodische Blutungen auf, die nicht mit einer Abstoßung der Gebärmutterschleimhaut einhergehen. Dieser Vaginalausfluss, der z.B. bei Hunden vor dem eigentlichen Eisprung beobachtbar ist, gilt allerdings nicht als Menstruation. Aufgrund ihrer Seltenheit ist es somit schwierig, über ihre evolutionäre Bedeutung zu mutmaßen. Sie ist keine per-se Bedingung für Fruchtbarkeit bei Säugetieren, sondern ein Spezialfall, dessen evolutionäre Vorteile nicht offensichtlich sind. Ein Grund für Menstruation könnte die besser Energiebilanz sein, neue Zellen zu bilden, statt die Schleimhaut dauerhaft aufrecht zu halten[2]. Menschen und andere Primaten haben im Vergleich zu ihrer Körpergröße einen besonders großen Uterus und relativ kleine versorgende Blutgefäße, was die dauerhaft Versorgung der Schleimhaut sehr aufwändig macht.

Andere Forscher mutmaßen, dass es sich um einen Schutzmechanismus handelt, der durch Spermien eingetragene Krankheitserreger wieder ausspülen soll, wobei diese Theorie nicht erklären kann, warum Menstruation nur bei so wenigen Spezies vorkommt und ausgerechnet beim Menschen, dessen Eisprung versteckt ist, also nicht durch visuelle oder Geruchssignale an Artgenossen kommuniziert wird. So gibt es keinen direkten zeitlichen Zusammenhang zwischen Spermien in der Gebärmutter und der Menstruation. Neuere Studien gehen eher davon aus, dass es sich eher um einen Nebeneffekt spontanen Dezidualisierung, also der Zellveränderungen zur Vorbereitung einer Schwangerschaft handelt, der an sich keinen adaptiven Sinn hat [3]. Für diese Theorie spricht auch, dass dieses Phänomen und Menstruation zumeist zusammen fällt, während bei den meisten Arten die Umformung nicht spontan stattfindet, sondern erst bei Einnistung des Fötus. Eine eindeutige Antwort hat die Forschung aber bis jetzt noch nicht gefunden.  

Eine weitere Interessante Frage ist, wie Tiere mit Menstruation umgehen. Paradox ist an der Periode sicherlich, dass sie bei wildlebenden Tieren Räuber anlocken kann und damit eine Gefährdung des Weibchens darstellt. Allerdings verfügen sie meist nicht über einen verdeckten Eisprung, so dass eine Befruchtung deutlich wahrscheinlicher ist, als dies beim Menschen der Fall ist. Damit nimmt der Mensch eine Sonderstellung ein, bei ihm tritt die Menstruation besonders häufig auf (etwa 500-mal im Leben jeder Frau) und wird häufig von Schmerzen begleitet. Hochgerechnet menstruiert eine Frau durchschnittlich 6,5 Jahre ihres Lebens. Interessanterweise scheint es aber auch beim Menschen einen Zusammenhang zwischen Lebensbedingungen und Menstruationsverhalten zu geben. Zumindest zeigen Studien, dass die erste Menstruation in Entwicklungsländern deutlich später einsetzt, als dies in Industrieländern der Fall ist, in den USA hat beispielsweise seit den 50er Jahren eine starke Verschiebung stattgefunden[4].  In vielen weniger entwickelten Ländern stellt Menstruation auch insofern eine erhebliche Belastung für die Frauen dar, da sie kaum Zugang zu Hygieneprodukten, sauberen Sanitäranlagen oder der entsprechenden Gesundheitsbildung haben. Außerdem kann eine nicht-sachgerechte Entsorgung von benutzen Hygieneprodukten sowohl zur Verbreitung von Krankheiten als auch zur Umweltverschmutzung und der Beeinträchtigung von Kläranlagen beitragen. Zudem sind behelfsmäßige Ersatzprodukte, die sich Frauen suchen müssen, oft hochgradig gesundheitsbeeinträchtigend und unangenehm. Die Beeinträchtigung geht so weit, dass menstruierende Mädchen oft die Schule nicht besuchen können und damit erhebliche Bildungsnachteile erfahren [5]. Auch, wenn es Hilfsorganisationen gibt, die diese Themen an die Öffentlichkeit bringen und die Versorgung verbessern möchten, ist die Situation in vielen Fällen untragbar und wird von Kommunikationstabus noch weiter verschärft. Solche Folgen sind allerdings rein menschengemachte Probleme, welche nichts mit Menstruation an sich zu tun haben, sondern lediglich ein Zeichen für den desaströsen Umgang der Gesellschaft mit diesem Thema zeigen. Dieser muss sich dringend ändern, denn Feminismus und Menstruation sind stark verknüpfte Themen!


[1] Emera D, Romero R, Wagner G (January 2012). „The evolution of menstruation: a new model for genetic assimilation: explaining molecular origins of maternal responses to fetal invasiveness“. BioEssays. 34 (1): 26–35. doi:10.1002/bies.201100099

[2]  Strassmann BI (June 1996). „The evolution of endometrial cycles and menstruation“. The Quarterly Review of Biology. 71 (2): 181–220. doi:10.1086/419369

[3] Emera D, Romero R, Wagner G (January 2012). „The evolution of menstruation: a new model for genetic assimilation: explaining molecular origins of maternal responses to fetal invasiveness“. BioEssays. 34 (1): 26–35. doi:10.1002/bies.201100099. PMC 3528014

[4] Diaz A, Laufer MR, Breech LL, American Academy of Pediatrics Committee on Adolescence, American College of Obstetricians and Gynecologists Committee on Adolescent Health (November 2006). „Menstruation in girls and adolescents: using the menstrual cycle as a vital sign“. Pediatrics. 118 (5): 2245–50. doi:10.1542/peds.2006-2481

[5] Kaur, Rajanbir; Kaur, Kanwaljit; Kaur, Rajinder (20 February 2018). „Menstrual Hygiene, Management, and Waste Disposal: Practices and Challenges Faced by Girls/Women of Developing Countries“. Journal of Environmental and Public Health. 2018. doi:10.1155/2018/1730964. ISSN 1687-9805.

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