Menstruieren am Arbeitsplatz | Wie gehen wir damit um?

Menstruieren am Arbeitsplatz | Wie gehen wir damit um?

Bereits vor zehn Jahren veröffentlichten Ichino und Moretti eine Studie, in der sie thematisierten, dass Menstruation zu geschlechtsspezifischen Unterschieden bei Fehlzeiten und Verdiensten beitragen kann. Sie konnten zeigen, dass die Abwesenheit junger weiblicher italienischer Angestelltert einem 28-Tage-Zyklus folgt. [1] In letzter Konsequenz kann man daraus schließen, dass Menstruation damit auch zur Gender Pay Gap beitragen kann, da Frauen so tendenziell öfter fehlen und so von vorgesetzten als weniger verlässlich gesehen werden. Die Studie ist aufgrund ihres recht kleinen Samples nicht unumstritten. Die Frage, welchen Einfluss Menstruation auf die Arbeitswelt hat, ist allerdings zentral. Gewisse wirtschaftliche Effekte von Menstruation lassen sich allerdings recht gut nachweisen. Einige Frauen erleben vor oder während des Beginns ihrer Periode emotionale Störungen, einschließlich Anspannung, Reizbarkeit, Stimmungsschwankungen, Depressionen, Ängste, Konzentrations- und Gedächtnisproblemen[2]. Diese Symptome werden häufig unter dem Schlagwort Prämenstruelles Syndrom (PMS) zusammengefasst. Diese Symptome können schwerwiegend genug sein, um die Leistung einer Person bei der Arbeit, in der Schule und bei alltäglichen Aktivitäten zu beeinträchtigen. Daraus ergibt sich auch eine Auswirkung auf die Produktivität am Arbeitsplatz, die Gesundheitskosten und die Lebensqualität[3]. Wie so häufig treffen die Nachteile aber vor allem jene Frauen, die ohnehin benachteiligt sind. Die Diskriminierung beginnt bereits im Teenageralter: In einer Studie wurde 2008 die Art und Häufigkeit von Problemen im Zusammenhang mit der Menstruation bei jugendlichen Mädchen in Indien und die Auswirkungen dieser Probleme auf den Alltag untersucht[4]. Der Tagesablauf von 60% der untersuchten Mädchen war durch längere Bettruhe, verpasste soziale Aktivitäten/Verpflichtungen, Schlafstörungen und verminderten Appetit beeinträchtigt. 17,24% mussten eine Klasse wiederholen oder haben sie verpasst und 25% mussten sich der Arbeit enthalten. Das Thema ist heterogen und komplex! Doch was heißt das konkret für menstruierende Frauen an ihrem Arbeitsplatz in Deutschland?


Should I stay or should I go?

Viele von uns kennen das: Wenn wir unsere Tage bekommen, dann ist das immer zu einem schlechten Augenblick. Weil es in unserem hektischen Alltag auch einfach keinen Moment gibt, an dem wir Zeit hätten für Schmerzen, Zeit für reduzierte Aktivität, Zeit für Schwäche. Also ist der Moment, in dem wir sie bekommen, auch oft mit einem innerlichen „scheiße“ verbunden. Denn jetzt müssen wir nicht nur unser tägliches Pensum schaffen, jetzt müssen wir darüber hinaus auch noch Schwäche und Schmerzen verstecken. Jede Frau händelt das natürlich unterschiedlich: bei Menstruationsschmerzen zu Hause bleiben oder trotzdem zur Arbeit gehen? Wir alle haben unterschiedlich starke Beschwerden, nicht jede Periode ist gleich. Trotzdem wirft Menstruation am Arbeitsplatz viele Fragen auf, mit denen es sich zu beschäftigen lohnt. Vor allem jene, nach dem persönlichen Umgang mit der Frage. Bleibe ich zu Hause um mich zu erholen oder beiße ich mich am Arbeitsplatz durch? Hier sollte jede Frau eine eigene Entscheidung treffen dürfen! Damit dies realisierbar ist, sollte eine Unternehmenskultur etabliert werden, in der Leistungsschwäche und Krankheit nicht stigmatisiert werden, sondern offen angesprochen werden können. Dazu müssen gesunde zwischenmenschliche Beziehungen gegeben sein und ein Klima das Vertrauens herrschen.


Brauchen wir Menstruationsurlaub?

Das Konzept mag für deutsche Ohren revolutionär klingen, in anderen Ländern ist es allerdings schon seit Jahrzehnten umgesetzte Praxis: sollten menstruierende Menschen in dieser Zeit die Möglichkeit bekommen, zusätzlichen Urlaub zu nehmen, wenn sie aufgrund ihrer Beschwerden nicht arbeiten können? In den meisten Ländern werden hierbei nur cis-Frauen berücksichtigt. Ganz sicher ist die Idee alles andere als neu und gerade im asiatischen Raum verbreitet. Eine Mädchenschule im südindischen Bundesstaat Kerala hatte ihren Schülerinnen bereits 1912 Menstruationsurlaub gewährt [5]. In Japan haben sich Frauenrechtsbewegung und Gewerkschaften schon in den 1920ern dafür eingesetzt, seit 1947 gibt es ein Gesetz, welches Frauen diese Möglichkeit einräumt. In Indonesien und Taiwan können sich Frauen pro Monat zwei beziehungsweise drei Tage frei nehmen, wenn sie menstruieren [6] [7]. In Südkorea steht Frauen sogar ein höheres Gehalt zu, wenn sie ihren Menstruationsurlaub nicht in Anspruch nehmen[8]. Im Gegensatz zu diesen asiatischen Ländern gibt es in Europa kein einziges Land, dass zur Zeit Frauen diese Möglichkeit einräumt. In Zambia steht es seit 2015 Frauen zu, einen Tag pro Monat frei zu nehmen [9].

Doch das Konzept ist bei weitem nicht unumstritten, man kann ihm eine Tendenz zu Sexismus vorwerfen, weil es dazu führen könnte, dass Frauen grundsätzlich weniger Effizienz in der Arbeitswelt unterstellt wird. Die Einführung eines Menstruationsurlaubs könnte die Gefahr erhöhen, dass Frauen bei der Einstellung benachteiligt werden. Stattdessen könnte man Strukturen schaffen, die den Druck auf Frauen verringern und es ihnen damit leichter machen, sich bei Menstruationsbeschwerden krank zu melden oder an solchen Tagen das Arbeitspensum zu reduzieren. Auf der anderen Seite haben wir auch Schwangerschaftsschutz – ist Menstruationsurlaub einfach nur eine komplementäre Maßnahme, die noch zur Geschlechtergerechtigkeit beitragen kann? Aus dieser Perspektive würde ein Menstruationsurlaub einen wichtigen Beitrag dazu liefern, Frauen zu entlasten. Ansonsten müssten sich diese Frauen krankmelden, was keinen volkswirtschaftlichen Unterschied machen würde, aber mit einem ganz anderen Framing versehen ist und Menstruation unsichtbar werden lässt.


Menstruieren in der Leistungsgesellschaft

Westliche Firmen wie Nike hat das Konzept des Menstruationsurlaubs für Frauen bereits erfolgreich in ihre Unternehmensstruktur eingebunden, es ist also alles andere als ein Ding der Unmöglichkeit. Dies sollte aber nicht zu Kosten nicht als weiblich wahrgenommener Menstruierender gehen. Auch diese müssten in eine solche Regelung eingebunden werden. Im Endeffekt stellt sich hier die generelle Frage, wie wir Leistung und Produktivität definieren und was es für unsere Gesellschaft bedeutet, wenn Arbeitskraft und damit Lebenszeit stundenweise verkauft wird. Wenn zunehmend Aspekte menschlichen Lebens aus Perspektive des Arbeitsmarktes gedacht werden und Menschen danach beurteilt werden, wie viel sie zum Brutoinlandsprodukt beitragen.

Arbeit ist eben nicht nur Lohnarbeit und auch Leistungen in anderen gesellschaftlichen Sphären wie Kultur oder Familie müssen anerkannt werden, um den Menschen nicht in eine eindimensionale Projektion eines homo oeconomicus zu zwängen. Wir müssen es schaffen, Flexibilität und Freiheit der Arbeitnehmenden erhöhen, ohne dabei die Trennung von Arbeit und Privatleben aufzuweichen, so dass der Mensch im Endeffekt mehr arbeitet und an größerem Stress leidet. Es geht im Endeffekt darum, eine Unternehmenskultur anzustreben, die freie Wahl fördert und die es Menschen ermöglicht, ihr Arbeitspensum zu reduzieren, wenn sie unter Stress und Überforderung leiden. Wir müssen einen Wertewandel hervorbringen, der Auszeiten und das verlassen festgefahrener Strukturen positiv konnotiert.


Praktische Perspektiven

Bis eine solche Utopie einer entschleunigten Arbeitswelt Realität wird, können wir bereits konkrete Schritte unternehmen, die etwas Druck von menstruierenden Menschen nehmen. Zuerst müssen wir auf Augenhöher darüber reden, um mehr Authentizität und Offenheit zu erreichen. Wenn dir dies leichter fällt, dann auch gerne zuerst im all-female Kontext und mit den Kolleginnen, zu denen du die beste Vertrauensbasis hast. Das hilft, eigene Hemmungen abzubauen!

Es kann helfen, wenn Frauen in hohen Positionen Menstruation zur Sprache bringen, so lange sie sich selbst dabei wohl fühlen. Schließlich befinden gerade sie sich in einem extrem männlichen Umfeld und müssen überdurchschnittlich viel Kämpfen. Trotzdem sollte man ihre Vorbildfunktion nicht unterschätzen. Menstruierende müssen in allen gesellschaftlichen Bereichen zu einer Normalität werden. Auch hier kann Bildung helfen, um auch cis-Männer in gehobenen Positionen achtsamer für die Thematik werden zu lassen und ihre Ressentiments abzubauen.

Wir müssen Unterstützung bieten für alle Menstruierenden, die sie brauchen, weltweit und kleinskalig. Wir brauchen übergreifende Solidarität statt Konkurrenz, denn am Ende leiden wir alle unter den Strukturen des Matriarchats. So üben wir effektive Systemkritik, ganz praktisch und in unserem Alltag. Menstruation matters!


[1] Ichino, Andrea, and Enrico Moretti. „Biological Gender Differences, Absenteeism, and the Earnings Gap.“ American Economic Journal: Applied Economics 1, no. 1 (2009): 183-218.

[2] Ryu, Aeli; Kim, Tae-Hee (December 2015). „Premenstrual syndrome: A mini review“. Maturitas. 82 (4): 436–440.

[3] Mishra, Sanskriti; Marwaha, Raman (2019), „Premenstrual Dysphoric Disorder“, StatPearls, StatPearls Publishing, PMID 30335340

[4] SHARMA, Pragya, et al. Problems related to menstruation amongst adolescent girls. The Indian Journal of Pediatrics, 2008, 75. Jg., Nr. 2, S. 125-129.

[5] „A Kerala School Granted Period Leave 105 Years Ago“. NDTV. 20 August 2017.

[6] Govt. of Indonesia. „Labour Act“

[7] The China Post. „Gender equality in employment act revised“

[8] joongangdaily. „Once again, court orders menstrual leave payout“

[9] „The country where all women get time off for being on their period“. The Independent. 2017-01-04.

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