Feministisch Menstruieren | vier Vorschläge

Feministisch Menstruieren | vier Vorschläge

Wahrscheinlich kann sich jedes Mädchen und jede Frau noch genau an den Moment erinnern, in dem sie zum ersten Mal ihre Periode bekam. Hoffentlich ist jede dann schon von ihrer Mutter vorbereitet worden – bis dahin war es aber höchstens eine abstrakte Idee. Und dann sind sie plötzlich da, die Unterleibsschmerzen, die rostbraunen Schlieren in der Unterhose, das Bewusstsein dessen, dass man blutet und jahrelang regelmäßig bluten wird. Schmerzen haben wird. Eingeschränkt sein wird. Damit ist das noch viel diffusere, kaum greifbare Bewusstsein verbunden, jetzt eine Frau zu sein. Feminismus war da wohl für die meisten von uns noch kein Thema. Stattdessen waren wir vollgestopft und verunsichert. Von all jenen Rollenbildern, aber auch einer gewissen Erhabenheit, jetzt einen weiteren Entwicklungsschritt Richtung Erwachsenenwelt zu machen. Ich bin mir sicher, dass es anderen nicht anders geht und viele nach einem Weg suchen, feministischer mit ihrer eigenen Menstruation umzugehen. Dabei müssen wir reflektieren, woher unsere Ressentiments kommen, wie wir bisher mit unserer Periode umgegangen sind und nach neuen Wegen suchen. Einige Ansätze, die mir im Laufe der Jahre, in denen ich mich nun schon mit dem Thema beschäftige, geholfen haben, möchte ich hier mit euch einige Tipps zum feministischen Menstruieren teilen.


Positives Framing der ersten Periode

Bei mir ist es das erste Mal vor dem Schwimmunterricht passiert. Ich kann mir kaum einen ungünstigeren Zeitpunkt vorstellen. Die Erinnerung ist so mit Emotionen aufgeladen, dass sie immer noch äußerst präsent ist, als wäre mir die Kombination aus Chlor und Putzmittel, nach der es in der Toilette roch, in der Nase hängen geblieben. Was ist deine Geschichte? Wie bildhaft erinnerst du dich an jenen Tag, an dem du deine erste Periode bekamst? In meiner weißen Unterhose mit den lila Punkten war auf einmal eine Spur von rostrot, die ich bis dahin noch nicht dort kannte. Die ich zwar kognitiv einordnen, aber emotional nicht verarbeiten konnte. Schon damals hat sich bei mir ein Phänomen gezeigt, dass viele Frauen internalisiert haben: Dann habe ich das getan, was wohl die meisten in meiner Situation auch getan hätten. Ich habe versucht die Zähne zusammen zu beißen, mir nichts anmerken zu lassen und habe so beim Schwimmunterricht mit gemacht, als ob nichts wäre. Gleichzeitig hatte ich schreckliche Angst, jemand würde etwas bemerken. Eine irrationale Seite von mir befürchtete, dass sich das Becken gleich rot färben und alle mich auslachen würden. Was natürlich nicht der Fall war. In meiner Erinnerung ist also ein wichtiger biologischer Entwicklungsschritt negativ haften geblieben. Der Moment hatte für mich rein gar nichts mit Selbstbehauptung, mit Feminismus zu tun. Das ist zum einen schade, zum anderen kontraproduktiv bezüglich Selbstbewusstseins und Körpergefühl. Gleichzeitig sollte man den Moment auch nicht übermäßig mythisieren. Im Endeffekt handelt es sich um ein rein biologisches Faktum. Wenn wir dieses zu sehr zum Initiationsritual stilisieren, stärken wir auch Rollentypen, die ein binäres Geschlechtsbild aufgrund äußerer Merkmale manifestieren. Stattdessen habe ich angefangen, in meiner Reaktion auch Stärke, Entschlossenheit und Durchhaltevermögen zu sehen. Ich war vierzehn, überfordert und in einer verwundbaren Situation. Trotzdem habe ich schnell, überlegt und entschlossen gehandelt. Ich glaube, dass es für uns alle wichtig ist, unsere eigenen Stärken in vergangenen Handlungen zu sehen und uns mehr an diese zu erinnern als an die Peinlichkeit, die die Außenwelt daraus gemacht hat. Nur so können wir einen guten Umgang mit solchen Erinnerungen finden.


Zwischen Leistungszwang und Selbstmitleid: Wie viel soll und muss ich mit Periode leisten?

Trotzdem zeigt mein damaliges Verhalten einen typischen Reflex, den viele von uns verinnerlicht haben. Wir machen weiter als bisher, wenn wir unsere Tage bekommen. Wir bemühen uns, zu funktionieren, egal, ob wir Schmerzen haben, Stimmungsschwankungen, und Übelkeit oder Kopfschmerzen plagen. Aber ist das die richtige Einstellung? Und woher kommt sie? Wir leben nicht nur in einer Leistungsgesellschaft, in der Schwäche und Krankheit sanktioniert werden und möglichst schnell überwunden werden sollten. Wie leben auch in einem Patriarchat, in dem viel zu wenig strukturell berücksichtigt wird, dass Frauen nach einem inneren Zyklus, der viel älter ist als unsere Gesellschaftsform, funktionieren. Auch wenn die Feminismusbewegung viele Verbesserungen gebracht hat, gerade Frauen, die eine Karriere anstreben oder in einem klassischen Männerbereich tätig sind müssen oft beweisen, dass sie noch besser sind als ihre männlichen Kollegen, um ernst genommen zu werden. In dieses Konzept passen Menstruationen nicht. Sie sind kein valider Grund, zurückzuschrauben. Wer sich beschwert, stellt sich ja nur an – wenn etwas so oft auftritt wie die Periode, dann hat man sich schließlich daran zu gewöhnen und nicht zu jammern – so der Tenor. Dabei lassen Studien darauf schließen, dass manche Frauen Periodenschmerzen haben, die ebenso stark sind wie Schmerzen bei einem Herzinfarkt[1]! Schon gar nicht ist es möglich, darüber zu reden, wenn männliche Kollegen anwesend sind, wenn man weiterhin als sachverständige Kollegin gesehen werden will. Vor allem, weil die Periode so sehr mit Klischees aufgeladen ist, mit Ekel, Schwäche und auch mit der Unterstellung, Frauen würden sie dramatisieren, Frauen seien übermäßig emotional und nicht ausreichend vernünftig, wenn sie ihre Tage haben. Wir alle haben Vorurteile im Kopf, die uns in der realistischen Wahrnehmung unseres Körpers und seines Zyklus hemmen.

Sollen wir nun weiterarbeiten als wäre nichts anders als sonst oder uns zurückziehen, uns Zeit für uns selbst nehmen? Das ist letztendlich eine Typenfrage, es gibt keine absoluten Wahrheiten bezüglich des feministischen Menstruierens. Wenn dir die Ablenkung der Arbeit hilft, besser mit den Schmerzen umzugehen, wenn dein Umfeld Verständnis zeigt, wenn du nicht zu voller Produktivität aufläufst, kann es sinnvoll sein, deinem normalen Tagesrhythmus zu folgen. Das solltest du allerdings nur tun, wenn es tatsächlich dein Wohlbefinden ist, dass die Entscheidungsgrundlage liefert und nicht dein Ehrgeiz. Am besten ist es, beide Möglichkeiten auszuprobieren, vielleicht sogar mehrfach, um wirklich evaluieren zu können, was für dich besser ist. Die Periode zu nutzen, um zu Hause zu bleiben, Zeit für sich zu haben und der Leistungsgesellschaft ein Schnippchen zu schlagen, ist ebenfalls ein vollkommen akzeptabler Weg. Es gibt Frauen, denen es hilft, Menstruationsrituale zu pflegen, ihre Periode positiv zu konnotieren oder sich in dieser Zeit intensiv mit dem eigenen Körper auseinanderzusetzen. Wenn aber Schmerzen und Unwohlsein dies nicht zulassen, ist auch jede andere Form von Rückzug, Ruhe und Entspannung legitim. Feministisch menstruieren sollte nicht heißen, zwar für wenige Tage aus der Leistungsgesellschaft auszusteigen, sich dabei aber selbst unter Druck zu setzen und einem Selbstoptimierungsdogma zu unterwerfen. Wenn dir Fernseher und Chips helfen ist das eine ebenso gute Strategie wie ein gutes Buch oder ein langes Bad. Genauso wenig sollten Frauen aus dem sozialen Leben gedrängt werden, nur weil sie menstruieren, wie es jahrhundertelang gängige Praxis war! Jede Frau hat das Recht, ganz normal am Leben teilzunehmen während ihrer Periode, wenn ihr danach ist.


Jeder Mensch ist anders und menstruiert anders. Reden wir darüber!

Jeder Mensch geht ganz anders mit herausfordernden Situationen um. Jede menstruierende Person ist anders, jede Periode kann unterschiedlich verlaufen. Verschiedene Schmerzen, unterschiedliche Symptome, emotionale Zustände und auch ein Umfeld, dass nicht immer gleich unterstützend sind, machen einen gewaltigen Unterschied und damit eine generelle Vergleichbarkeit unmöglich. Es gib kein allgemeingültiges Rezept, keinen ultimativen Leitfaden. Um unsere Einstellung zur Menstruation und damit zu unserem eigenen Körper auf den Prüfstand zu setzen, müssen wir offen sein, in uns selbst hinein hören und neue Dinge ausprobieren. Nur so finden wir einen Umgang, der uns selbst gerecht wird! Gleichzeitig können wir uns aber darüber austauschen und vom Erfahrungsraum anderer profitieren. Denn es ist nicht immer einfach, herauszufinden, war wir wollen und welche Wünsche nur von außen in uns hineinprojiziert wurden. Außerdem: schweigen schadet! Fehlende Kommunikation ermöglicht erst die Grundlage für Mythenbildung und Missverständnisse!

Es ist anspruchsvoll zu unterscheiden, was individuelle Bedürfnisse sind und welche Werte und Überzeugungen diese aufgrund unserer Sozialisierung überlagern. Wir haben gelernt, in allen Situationen hart zu uns selbst zu sein, keine Schwäche zu zeigen, weil wir sonst nicht ernst genommen werden. Auch wenn uns das nicht guttut, auch wenn wir viel eher Ruhe und Zeit für uns selbst brauchen. Wir haben gelernt, dass Menstruation etwas Ekliges sind und vor allem etwas, über das man höchstens hinter vorgehaltener Hand spricht. Doch wie funktioniert nun ein „Unlernprozess“? Wie verlernen wir Verhalten, mit dem wir uns selbst schaden, wie stellen wir unsere eigenen Überzeugungen auf den Prüfstand und finden heraus, ob sie von uns stammen oder ein Stück Patriachat sind, dass in uns eingesickert ist? Der erste Schritt ist Selbstbeobachtung, um das eigene Verhalten aktiver wahr zu nehmen. Dann können wir versuchen, Abläufe und Verhaltensmuster abzuwandeln und zu schauen, wie das unsere Stimmungslage und unsere Einstellung zu unserer Periode verändert. Auch hierbei sollten wir uns ausreichend Zeit lassen, um Veränderungen wirklich eine Chance zu geben. Gleichzeitig kann es extrem wertvoll sein, sich mit anderen Menstruierenden auszutauschen, die auf der suche nach einer feministischeren Herangehensweise sind. Oder auch, einfach Menschen aus dem Freundeskreis mit dem Thema zu konfrontieren, ganz egal, ob sie selbst betroffen sind oder nicht. Totschweigen bläht Menstruation auf und macht sie weniger sichtbar, weswegen auch viele Menschen zu unsensibel sind, was das Thema betrifft. Dies kann sich ändern, wenn das Schweigedogma durchbrochen wird und ein offener Diskurs gefunden wird, in dem die Periode endlich als das gesehen wird, was sie ist: ein biologischer Vorgang, der nicht richtig in unser Wirtschaftssystem passt.


Menstruation und Nachhaltigkeit – Welche Hygieneprodukte passen zu mir?

In den letzten Jahren sind in kurzer Zeit viele Alternativen zu Binden und Tampons hinzugekommen: Menstruationsunterwäsche, Menstruationstassen, freies Menstruieren. Es ist erst einmal eine ausgezeichnete Entwicklung, mehr Flexibilität und Wahlmöglichkeiten bei Hygieneprodukten zu haben. Großartig, wenn auch dieser Lebensbereich nachhaltiger gestaltet wird! Gleichzeitig ist es aber auch eine sehr intime Frage, bei der nicht der Markt entscheiden sollte oder eine Frauenzeitschrift. Nachhaltigkeit ist wichtig, aber gerade bei einem Thema, das so sensibel ist für die Gleichberechtigung, darf dieses Schlagwort Frauen nicht im Weg stehen, die Wahl zu treffen, die für ihre persönliche Freiheit am besten ist. Es ist immer empfehlenswert, neue Wege auszuprobieren. Wer mit Tampons zufrieden ist, für den ist die Menstruationstasse kaum eine Umstellung und sehr empfehlenswert. Freies Menstruieren kann vielen Frauen helfen, ihren eigenen Körper besser kennen zu lernen und achtsamer zu werden. Zudem hilft das damit verbundene regelmäßige bewusste an- und entspannen des Beckenbodens, den Teufelskreis aus Schmerz, Verspannung und stärkerem Schmerz zu durchbrechen. Doch wenn freies menstruieren nicht mit deinem Arbeitsalltag vereinbar ist oder dich zu sehr unter psychischen Druck setzt, dann ist auch vollkommen in Ordnung, hier einen anderen Weg zu gehen. Im Vergleich zu vielen anderen Fragen des Alltags wie Verkehr, Stromanbieter oder Fleischkonsum fallen Tampons oder Binden kaum ins Gewicht. Deswegen sollten wir im Umgang mit Feminismus und Nachhaltigkeit eine Atmosphäre schaffen, in der Frauen den Mut haben, Neues auszuprobieren und dessen Vorteile zu entdecken, aber gleichzeitig auf sich selbst hören und einen Weg gehen, der ihren Alltag nicht übermäßig erschwert.


[1] https://www.independent.co.uk/voices/period-pain-is-officially-as-bad-as-a-heart-attack-so-why-have-doctors-ignored-it-the-answer-is-a6883831.html

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