Ekel vor Menstruation überwinden

Ekel vor Menstruation überwinden

Menstruieren ist vollkommen natürlich und ein Zeichen für einen funktionierenden Östrogenzyklus. Trotzdem haben viele Menschen Ekel vor der Vorstellung der monatlichen Blutung. Zum einen Männer, die nie ausreichend für Frauengesundheit sensibilisiert wurden. Dies ist ein großes Problem, welches sicher auch in mangelnder Aufklärung und der Sozialisierung begründet ist. Trotzdem haben auch Männer Anteil am „dreckigen“ Stigma, dass Menstruationsblut anhaftet, indem sie oft nicht zuhören und sich nicht betroffen fühlen. Aber auch Frauen, ganz besonders Teenager, ekeln sich teilweise vor dem eigenen Menstruationsblut. Auch, wenn dies ungerechtfertigt ist, ist es keine Überraschung, bedenkt man weit verbreitete Mythen bezüglich der Periode. Dabei ist Blut Kulturgeschichtlich sowohl im christlichen Raum als auch in vielen anderen Bereichen äußerst positiv konnotiert: es gilt als Träger der Lebenskraft, Sitz der Seele oder als Mittel zur Unverwundbarkeit. Doch ausgerechnet dem Menstruationsblut wurde oft eine ganz andere Bedeutung zugewiesen: es wird als unrein deklariert, menstruierende Frauen werden von zahlreichen gesellschaftlichen Bereichen ausgeschlossen und müssen nach Ende der Menstruation erst wieder durch Rituale Reinheit erlangen. Zwar war es auch mit Gesundheit und Fruchtbarkeit konnotiert[1] – trotzdem konnte sich der Aberglaube herausbilden, dass Menstruationsblut giftig sei. Die Idee setzte sich im 1. Jahrhundert nach Christus durch und wurde erschreckenderweise von Wissenschaftlern bis ins 20. Jahrhundert hinein propagiert[2]. Dabei finden sich im ausgeschiedenen Sekret keine Giftstoffe, Viren oder Bakterien, die nicht auch Bestandteil anderen Bluts sind. Diese Ungiftigkeit wurde erschreckenderweise erst 1958 wissenschaftlich bewiesen[3]. Dies zeigt nicht eine jahrhundertelange systematische Stigmatisierung der Frau, die während ihrer Menstruation aus allen hygienerelevanten Lebensbereichen ausgeschlossen wurde, statt entsprechende Hygieneprodukt zu entwickeln.

Hinzu kommt noch, dass ein allgemeiner Ekel vor Blut weit verbreitet ist, Schätzungen gehen davon aus, dass es sich bei der Blutphobie um die häufigste aller Angststörungen handelt. Woher diese verbreitete Furcht kommt ist nicht ganz klar, einige Psychologen vermuten jedoch, dass es sich um einen Todstellreflex handelt, der sich evolutionäre entwickelt hat, um bei Gefahr zu überleben. Hierbei ist sowohl eigenes fließendes Blut als auch das anderer Menschen ein Signal für Bedrohung. Viele Menschen mit Blutphobie neigen zu Ohnmacht, wobei der Blutdruck stark absinkt. Damit wirken sie nicht nur weniger lebendig, auch bluten Wunden weniger stark. Abgesehen davon verbinden viele Menschen Blut mit Verletzlichkeit und Versehrtheit, was die Abneigung ebenfalls erklären könnte. Trotzdem nimmt Menstruationsblut eine Sonderstellung ein: den meisten Menschen sind Blutflecken auf Textilien, die durch Verletzungen entstanden sind, nicht übermäßig peinlich.

Menstruationsflecken lösen hingegen ein großes Unwohlsein aus. Dies geht so weit, dass bei einer Ausstellung der schwedischen Feministin und Comicautorin Liv Strömquist, für die Plakate gedruckt wurden, auf denen eine Eisläuferin mit Menstruationsfleck zu sehen war, diese von vielen verdeckt wurden. Eine Person soll sogar beim Anblick des Bildes in der Ausstellung in Ohnmacht gefallen sein. Die Werbung hat ihr übrigens getan, auch in der Moderne ein unrealistisches Bild von Menstruation zu verbreiten und gerade die Angst vor der Peinlichkeit, dass alle einem als menstruierende Wesen erkennen könnten, geschürt. Nicht umsonst sieht man hier eine durchsichtige oder blaue Flüssigkeit: Menstruation ist also so eklig, dass sie übermäßig verfremdet werden muss. Darüber hinaus werden Tampons und Binden mit dem Gefühl von Sicherheit verkauft: umgekehrt sollen wir uns also unsicher fühlen, wenn wir nicht 100%tig ausschließen können, dass man Blut an unserer Kleidung sieht? Kein Wunder, dass Schülerinnen ebenso heimlich tun, wenn sie Tampons austauschen, als wenn sie Drogen dielen!

Um mit dem eigenen Unbehagen bezüglich des Menstruationsbluts umzugehen hilft es, sich mit diesem auseinander zu setzen und auch vor anderen zur Sprache zu bringen, um Tabus und Berührungsängste abzubauen. Hierbei spielen auch die Erziehung und Bildung von Jungen eine wichtige Rolle. Gerade während der Pubertät, wenn Menstruation bei den meisten Mädchen zum ersten Mal auftritt und diese noch nicht an das Phänomen gewöhnt sind können gedankenlose Sticheleien bezüglich der Thematik besonders schädlich sein. Stattdessen brauchen Mädchen auch männliche Verbündete, die ein Klima schaffen, in dem offen über diese scheinbare „Privatsache“ gesprochen werden kann. Vielen Frauen hilft es, mehr über die Menstruation zu lernen, um ihr Unbehagen abzulegen und sie als das natürliche anzunehmen, dass sie ist. Ein sehr einfacher, aber erstaunlich wirkungsvoller Schritt kann schon sein, das Wort Menstruation in den Mund zu nehmen, statt verharmlosende, umschreibende Alternativen zu gebrauchen.  Zudem kann es helfen, ich bewusst zu machen, dass die Periode kein Zeichen von Verletzung und Schwäche ist, sondern eines von Vitalität und einem funktionierenden Östrogenzyklus! Zwar passt sie nicht in das Menschenbild der Leistungsgesellschaft, trotzdem hat sie nichts mit Versehrtheit oder Angreifbarkeit zu tun! Wer unter einer Blutphobie leidet, für den gibt es Hilfe: die psychische Krankheit kann in einer Therapie vergleichsweise leicht geheilt werden, in dem die betroffene Person unter fachlicher Betreuung dem Reiz Schritt für Schritt immer mehr ausgesetzt wird.

Bei Frauen, die nur mit Menstruationsblut, aber nicht mit anderen Blut Probleme haben, kann das Problem eher in einem allgemeinen mangelnden Körperbewusstsein und in Schwierigkeiten mit der Wahrnehmung des eigenen Geschlechts und dem Annehmen der eigenen Sexualität zu tun haben als mit dem Blut selbst. Oft ist es ein langer Weg, den eigenen Körper mit seinen Schwächen und den Aspekten, die nicht ins gesellschaftliche Schönheitsbild passen, anzunehmen, der aber auch mit einem äußerst erkenntnisreichen Selbstreflektionsprozess einher gehen kann. Helfen können hier ganz besonders Yoga oder andere Sportarten, die nicht per se auf Wettbewerb ausgerichtet sind, Meditation andere Entspannungstechniken sowie die Beschäftigung mit unrealistischen Körperidealen und wie tief sie die Gesellschaft durchdringen. Auch vor und während der Periode macht es dann für viele Frauen Sinn, sich bewusst Zeit für die eigenen Bedürfnisse und den eigenen Körper zu nehmen. Was natürlich für jede Person etwas ganz anderes bedeuten kann, aber auch einen Freiraum bietet, der in der Gesellschaft sonst kaum vorgesehen ist. Auch hier ist Kommunikation ein wichtiges Element: Wenn mehr Frauen anfangen, auch in ihrem persönlichen und beruflichen Umfeld offen über ihre Menstruation zu sprechen, wird die Problematik für alle präsenter. Auch kann so reduziert werden, dass alle Frauen generalisiert werden, die eben so oder so sind, wenn sie ihre Periode haben und stattdessen eine Vielfalt der Symptome und dem Umgang mit diesen sichtbar zu machen. Auf dieser Ebene haben Frauen und die feministische Bewegung schon erhebliche Fortschritte erkämpft, es lohnt sich also, diesen Weg weiter zu gehen!


[1] Michael Stolberg: Menstruation. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin/New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 971 f.

[2] Judith Schlehe: Das Blut der fremden Frauen. Campus, Frankfurt am Main / New York 1987, ISBN 3-593-33859-9, S. 14.

[3] Kristina Hohage: Menstruation: eine explorative Studie zur Geschichte und Bedeutung eines Tabus. Hamburg 1998, S. 100.

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